VERLÄNGERT BIS 1. DEZEMBER 2020



HIDE AND SEEK, SHOW AND TELL

Gruppenausstellung

PETRA GELL
MARKUS HANAKAM &
ROSWITHA SCHULLER
RAPHAELA RIEPL

Kuratiert von GEORGIA HOLZ

Eröffnung 20. Oktober 2020 16.00 bis 22.00 Uhr

Ausstellung vom 21 Oktober bis 14. November 2020
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 15.00 bis 18.00 Uhr
                             (oder nach Vereinbarung +43 681 81939710)



Die in der Ausstellung Hide and Seek Show and Tell gezeigten Arbeiten spüren der Wechselwirkung von Raum und Bildraum, der Differenz zwischen realem, imaginiertem oder medial produziertem Bild nach. Sichtbarkeit und Entzug, Zeigen und Verbergen sind Strategien, die die Künstler_innen anwenden, um die Koordinaten zwischen realem Raum und Bildraum zu verschieben. Dabei spielt die Materialität von Wand, Boden, Stoff und Spiegel ebenso eine zentrale Rolle wie die Phänomene Licht, Reflexion, Opazität und Transparenz.

Zu Beginn von Petra Gells ortsspezifischen Arbeiten steht immer das vorhandene Raumgefüge und seine Wirkung auf uns. Ihre Formensprache zielt auf eine Verschränkung von abstrahierten grafischen Elementen, Raum und Architektur zu einer räumlichen Komposition ab. Der Kunstraum hat die Künstlerin durch seine auffällige Bodenbeschaffenheit inspiriert. Die Oberfläche des glänzend grauen Harzbelags mit seiner fluiden Qualität hat sie an einen Swimmingpool oder modellhafte Darstellungen des virtuellen Raums erinnert. Diese Motive hat sie mit einem großformatigen blauen Raster und weißen Bahnen aus Textilband in eine abstrahierte, raumfüllende Bodeninstallation überführt. Eine ebenso simple wie überzeugende Setzung, die den architektonische Raum rekonfiguriert, die Grundelemente Wand, Boden und Decke in neue Relationen setzt. Gell provoziert ein Changieren zwischen Oberfläche und Architektur, zwischen Figur und Grund. Der reale Raum und der Bildraum fließen ineinander und werden zu einer untrennbaren Einheit. Durch das Raster und die Bahnen tritt der Boden in ein Spannungsverhältnis mit den anderen künstlerischen Arbeiten und den architektonischen Elementen, wird zum Rahmen und fragmentierendem Bildträger gleichermaßen. Wie ein Kippbild erscheint er mal als Grund für die gespiegelte Realität, mal als abstrakte Form oder Koordinatensystem.

Raphaela Riepl untersucht in ihren Arbeiten das Licht als Medium und sein Verhältnis zum Raum, wobei die Künstlerin immer die gesamte Raumwirkung in den Blick nimmt. Ihr zentrales Material ist Neonlicht. Für den Kunstraum hat sie die Lichtinstallation BEYOND A SYSTEM – RISING bestehend aus 12 Neonringen in den Farben Schwarz, Blau und Violett realisiert. Wie Zeichnungen aus Licht schweben die Ringe im Raum und werden von Seidenstoff umfangen. Die Lichtpunkte korrespondieren mit den gemalten Punkten des transparenten Stoffes. Raphaela Riepl geht es darum das Licht als Phänomen ohne feste Grenzen sichtbar zu machen, seiner Materialität nachzuspüren – der Lichtquelle, die Licht ausstrahlt, ebenso, wie dem eigentlichen Licht, das seine Umgebung formt und deren Atmosphäre verändert.

Dear Isa ist das komplementäre Gegenüber zur Lichtinstallation, in Präsenz und Proportion auf den menschlichen Körper verweisend. Von den vier mit weißem und bläulichem Spiegelglas verkleideten Seiten ist jene auf die Neon Installation gerichtet, die am stärksten durchbrochen ist. So gibt die Reflexion ein fragmentiertes, kristallines Spiegelbild der gegenüberliegenden Installation oder der eintretenden Betrachter_innen wider. Beim Umschreiten der Skulptur komplettiert sich das eigene Spiegelbild. Gleichzeitig weckt die spiegelnde Glasoberfläche Erinnerungen an die kristallinen Türme modernistischer Wolkenkratzer. Eine Referenz, durch die sich auch der Titel erklären lässt: Die Skulptur ist eine Hommage an die Künstlerin Isa Genzken, die die Materialität modernistischer Architektur vielfach in skulpturale Arbeiten übersetzt hat.

Markus Hanakam und Roswitha Schullers Arbeiten zeichnen sich durch ein Interesse an Objekten aus, die Hybride sind zwischen Kunst-, Design- oder Alltagsgegenständen. Solche Objekte sind besonders geeignet, um über Bildproduktion und Postmedialität nachzudenken. Etwa standardisierte Plasikverschlüsse, wie wir sie aus unserem Konsumalltag kennen, die das Künstler_innenduo zu neuen Objekten ohne eindeutig erkennbaren Gebrauchswert zusammensetzt. Diese wiederkehrenden Protagonisten ihrer Installationen, Videos oder Drucke bevölkern Archivregale ebenso wie den Rapport von Tapeten, oder, wie im Fall von Tessuto Digitale, den Stoff eines Vorhangs. Als reale Artefakte durch performative Gesten des Zeigens aktiviert, schweben sie hier als digital animiertes All-Over auf dem Vorhang. Dessen semitransparente, luftige Stofflichkeit schmiegt sich in leichten, rhythmischen Bewegungen an die Wand, als wäre er gerade zur Seite geschoben worden um die Bühne freizugeben.

Die Arbeit Harlekin & Colombine zeigt ebenfalls ein Hybrid Objekt, wenn auch ein gefundenes – eine Porzellanfigurine aus dem Rokoko, wie sie bei Auktionen beliebt ist. Das deutlich sichtbare Druckraster des Bildes entlarvt die Reproduktion der Reproduktion der Figur. Die Künstler_innen haben einen Auktionskatalog gescannt, der auf Darstellungsmodi zurückgreift, die mittels „Auratisierung“ die Erzeugnisse der ursprünglich seriellen Produktion zu Unikaten stilisiert. Hanakam und Schuller machen die Aura buchstäblich sichtbar, in Form einer gestischen Übermalung mit semitransparenter Acryltusche, zugleich ein Akt des Zeigens und Verbergens. Man kann nicht umhin es als augenzwinkernden Verweis auf Walther Benjamins berühmten Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ zu lesen. Die farbige Wand wirkt gleichsam als Bühne und Rahmen für das Bild.  

Beide Arbeiten spielen mit der Definition von Décor als bühnenhafte Inszenierung zwischen angewandter und bildender Kunst, zwischen virtuellem und realem Raum und veranschaulichen Hanakam und Schullers leichtfüßigen Wechsel zwischen den Medien. Ganz im Sinne von Marcel Broodthaers’ Konzept von Décor als einer Grenzlinie, die markiert, „wo die Welt der bildenden Künste und die Poesie sich vielleicht, […] treffen können, aber an der genauen Grenzlinie, in der sie beide aufgehen.“  Der Rückgriff auf Aspekte des Décors ermöglicht den Wechsel zwischen und das Ineinandergreifen unterschiedlicher Materialitäten und Medien der jeweiligen inhaltlichen Notwendigkeit folgend.


Fotos © Corinne L. Rusch